„Ecki“ sagt Tschüss

20. Dezember 2015

Kategorien:News

„Ecki“ sagt Tschüss

Sozial- und Theaterpädagoge Rüdiger Eckert verlässt die Gesamtschule West / Letzte Inszenierung im Schlachthof
Anne Gerling – Weser Kurier

„Theater muss eigentlich wie Fußball sein: Es muss spannend sein, und es muss Spaß machen, es zu spielen und zu sehen“, sagt Rüdiger Eckert. Mit Theater kennt der gebürtige Gröpelinger sich aus: 23 Jahre lang war er neben seinem Job als Sozialpädagoge gewissermaßen auch Trainer an der Gesamtschule West (GSW), wo er mit mehreren Schüler-Generationen Theater gemacht und auf diese Weise die Theatertradition der Schule begründet hat.

WES Schlachthof Probe TheaterAG Gesamtschule West Stück Emil ... © Roland Scheitz

Eine Szene aus den Proben der Schülerinnen und Schüler der Gesamtschule West für das Stück „Emil“. (Roland Scheitz)

Zentrale Antriebsfeder war für ihn dabei stets der Spaß an der Sache. Und das war ganz offensichtlich ansteckend: Mit den von ihm verfassten Stücken wie „Olli“, „Und wer küsst Zombie?“, „Fliegen im Klassenzimmer“ oder „Zickenalarm“ hat Eckert Jahr für Jahr das Publikum im Schlachthof begeistert.

Jetzt hört er auf; mit dem Jahreswechsel beginnt für den 65-Jährigen der Ruhestand, dem er durchaus auch mit Melancholie entgegen sieht, wie Eckert durchblicken lässt. Zum Abschied hat er sein allererstes Stück „Emil und das E-Team“ noch einmal inszeniert, das vor nunmehr 23 Jahren im Schlachthof uraufgeführt wurde. Eckert gehörte damals zum Schlachthof-Vorstand und hatte zuvor bei diversen Arbeitseinsätzen mit seinen Schülern Saal und Bühne hergerichtet.

WES Schlachthof Probe TheaterAG Gesamtschule West Stück Emil ... © Roland Scheitz

Theaterpädagoge Rüdiger Eckert hört auf. Mit dem Jahreswechsel geht er in den Ruhestand. (Roland Scheitz)

„Emil“ war 1992 Eckerts erster Versuch, Theater mit Kindern zu machen – Theater, das auch verstanden werden kann. Denn Kinder sind ein ganz spezielles Publikum: „Sie sind aufgedreht und wollen sich gleich über das Gesehene austauschen.“ So kam der Theaterpädagoge damals auf die Idee, die Inszenierung mit Rockmusik anzureichern – mit Live-Musik, sodass das junge Publikum während der Songs ruhig etwas lauter sein durfte. Bei der Aufführung von „Emil“ 1992 war die Rockband aus dem alten Kulturladen Gröpelingen am Halmerweg mit an Bord – ursprünglich hieß sie „Kulti-Band“, später dann „1437“, weil Musiker im Alter von 14 bis 37 Jahren mitspielten. Für die diesjährige Neuauflage hat Eckert die Band noch einmal zusammengetrommelt: „Die Bandmitglieder begleiten mich eine Woche lang und nehmen dafür sogar Urlaub“, erzählt er.

Literarisches Vorbild des Stückes ist, man ahnt es, Erich Kästners 1929 erschienener Roman „Emil und die Detektive“. Da der Originaltext nicht mehr zeitgemäß ist, hat Eckert den Stoff ins Hier und Jetzt übertragen – beziehungsweise ins Jahr 1992: „Es gibt noch keine Handys und noch die D-Mark“, betont der Pädagoge, denn im heutigen Mobiltelefon-Zeitalter sähe eine Verfolgungsjagd quer durch die Stadt wohl schon wieder ganz anders aus.

In Eckerts Bearbeitung setzt sich Emil in Neustadt am Rübenberge in den Zug, um seiner Oma in Bremen 1500 Mark zu bringen. Im Eisenbahnabteil allerdings wird der Junge mit vergifteter Cola betäubt und von Gauner Grundeis bestohlen. Auf eigene Faust verfolgt Emil den Dieb und trifft dabei den gleichaltrigen Bremer Jungen Gustav, dessen Freunde sich zu einer Detektivbande zusammenschließen und einen Nachrichtendienst organisieren. Für seine moderne Fassung hatte Eckert zunächst Kinder einzelne Szenen aus dem Stück frei spielen lassen, so wie er es in der Theaterpädagogen-Ausbildung in Remscheid gelernt hatte. „Die haben dann drauflos geschnackt“, erzählt der Pädagoge, der aus den so entstandenen Dialogen dann neuen Text strickte, den er wiederum gemeinsam mit den jungen Darstellern überarbeitete. Das so entstandene Stück hat für die 22 mitwirkenden Schüler aus der fünften bis zehnten Klasse durchaus schon wieder nostalgischen Charme. „Es ist schon schwierig, sich vorzustellen, dass es keine Handys gibt“, sagt zum Beispiel die 15-jährige Hannah, die Emils Cousine „Pony“ spielt – eine leicht zickige Bremer Göre, die für Eifersüchteleien zwischen Emil und Gustav sorgt.

Manche alte Technik findet Hannah aber auch heute noch toll: „Wir waren begeistert von der Schreibmaschine, die im Stück vorkommt und mögen auch manch anderes von früher, zum Beispiel Schallplatten!“ „Mal probeweise eine Woche lang in einer Welt ohne Handys leben – warum eigentlich nicht? Es wäre aber nicht mein Wunsch, für immer in frühere Zeiten zurückzugehen“, meint die 15-jährige Beyza, die im Stück gleich vier unterschiedliche Charaktere verkörpert.

Für einige der Schüler ist es das erste Mal, dass sie jetzt auf einer großen Bühne spielen. Mitmachen kann bei Eckert jeder, der Lust dazu hat: Ein Casting gab es bei ihm nie – schließlich sollten, so sein Credo, alle die Chance haben, auf der Bühne zu stehen und Applaus zu bekommen. Hannah und Beyza machen schon seit vielen Jahren in der Theater-AG mit. Dass Rüdiger Eckert nun geht, finden beide schade. „Er kann sich gut in Neue hineinversetzen und schafft es, uns zu ermutigen und uns Selbstvertrauen zu geben. Die Theater-AG hat uns viel selbstsicherer gemacht!“, erzählt Hannah. Das gilt vermutlich für etliche ehemalige GSW-Theaterschüler aus den vergangenen 23 Jahren. Einige von ihnen werden sich am Donnerstagabend in einer Emil-„Spezialvorstellung“ noch einmal auf die Bühne begeben, um „Ecki“ würdig zu verabschieden. „Das gucken wir uns auf alle Fälle an. Es ist superspannend, wie die das Stück umsetzen“, sagen Hannah und Beyza.

„Emil“ in der Fassung von Rüdiger Eckert und mit Live-Band unter der Leitung von Martin Nowacki ist diesen Montag, 7., am Dienstag, 8., Mittwoch, 9. Dezember, jeweils um 11 Uhr sowie am 9. und Donnerstag, 10. Dezember, um 20 Uhr im Kulturzentrum Schlachthof in der Kesselhalle zu sehen. Karten (Schüler sechs Euro / Erwachsene neun) gibt es beim Schlachthof unter Telefon 37 77 50.

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